Der „magic moment“ in den ersten 100 Tagen

Am 9. Januar habe ich meine „500 Days Challenge“ gestartet. 500 Tage von jenem Tag an sind es bis zum 24. Mai 2018. Der Tag, an dem ich 50 werde (hoffentlich). 100 Tage sind heute vorbei. Das Ziel ist nach wie vor, dass ich an meinem 50. eine Fotoshooting machen möchte und in der für mich bestmöglichen Form bin. Körperlich, geistig und seelisch. Dieser bewusste Entscheid hat dazu geführt, dass ich irgendwie viel achtsamer durch die Stunden der Tage gehe. Keine Ahnung weshalb. Es ist einfach so.

Bis jetzt war es nicht wirklich ein „easy-peacy-Jahr“. Mitnichten! Noch nie habe ich entweder in 100 Tagen so viel „erfahren“ oder sonst habe ich das bisher gar nicht gemerkt. Hier eine Liste der einschneidensten Erfahrungen oder Entscheidungen:

  • Einen Tag nach dem Startschuss für mein Halbmarathon-Training – Zehenbruch.
  • Die grösste Ent-TÄUSCHUNG in Bezug auf einen Lieblingsmenschen erfahren
  • Ringfinger links schwer gestaucht
  • massive Kreuzschmerzen
  • Familien-WG für tot erklärt

Es würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen, auf alles detailliert einzugehen. All diese Punkte waren mit Tränen verbunden, Gedanken verbunden, Zweifel verbunden, Trauer verbunden. Ich habe wohl schon lange nicht mehr so viele stille Momente durchlebt. Ich habe wohl schon lange nicht mehr so viele Taschentücher vollgerotzt. Dann kam dieses eine Erlebnis.

Dienstag, 10 Uhr 30. Ich liege auf dem Stuhl bei meiner wunderbaren Zahnärztin. Bei ihr bin ich Angst frei. Ich fühle mich warm und wohlig. Augen geschlossen. Hände in der Hosentasche. Körper entspannt. Tiefe Atemzüge. Ich spüre nichts, ich höre nur diese unsexy Geräusche des Bohrers. Meine Welt ist in diesem Moment perfekt. Plötzlich – vor meinem geistigen Auge, ein riesiger Haufen von Zellen. Jede Zelle eine Tafel in der Hand, auf der Tafel steht SO NICHT! „Hey Jungs“, frage ich. „Was ist los?“ „Was los ist?“ fragt mich einer des Haufens, entrüstet und seine Arme verschränkt. „Ok. Heute um 07 Uhr 30 waren wir mit dir im Training. Es war ein super Training. Hart, fordernd, hat Spass gemacht.“ „Wo liegt das Problem?“ werfe ich ein. „Herrjeh, warte doch einfach. Also. Wir waren mit dir im Training und haben alles gegeben. Jetzt, nicht einmal 3 – ich wiederhole – d r e i  Stunden später, liegst du mit uns hier auf diesem Stuhl und machst einen ziemlich groben Eingriff.“ Die Entrüstung und die Wut funkelt aus seinen Augen. „Ich weiss nicht, wo euer Problem liegt? Ist doch alles ok jetzt“ bemerke ich trotzig. „Wo das Problem liegt? Halloo? Es tut weh. Sehr sogar!“ „Was tut weh? Ich spüre nichts!“ „Ja du schon nicht, du bist ja betäubt. Aber wir spüren alles und müssen damit umgehen. Wenn du nicht endlich aufhörst, uns permanent zu hetzen und zu stressen, gehen wir in den Streik!“

Päng! Klare Ansage. Noch nie, nie, nie hatte ich so eine „Aussprache“ mit meinen Zellen. Noch nie habe ich begriffen, dass ich mit meinem Körper keine Einheit bin. Ich habe mit meinem Kopf einfach über meinen Körper bestimmt. Ob meine Zellen, mein Körper müde war oder Anzeichen von Stress zeigte, nahm ich gar nicht wahr. Jahrelang habe ich maximal 4 -5 Stunden geschlafen. Habe nebst zwei kleinen Kindern noch 120 % gearbeitet und den Haushalt geschmissen. Ja, ich weiss. Das machen Hunderttausende und Millionen von Menschen. Es geht mir auch nicht darum, dass ich etwas Besonderes sein soll. Es geht mir um das Elend, dass ich mich wie eine Maschine behandelt habe. Diese Einsicht war der traurigste Moment in diesen 100 Tagen aber auch der allerallerschönste.

Liebe Leserin, lieber Leser. Wenn du auch zu diesen Robotern gehörst, die einfach funktionieren – lass dir von mir sagen: STOP! Bis hierher und nicht weiter. Es muss dazu führen, dass unsere Beziehungen scheitern, dass wir unsere Kinder anschreien, dass wir nur noch hoffen, dass es Freitag wird. Dass wir uns mit Konsum vollstopfen, um möglichst viel zu vergessen. STOP! Es gibt nur diesen einen Körper in diesem deinem Leben. Geh liebevollst mit ihm um.

Ich mache seit jenem `magic moment` Termine nicht mehr nach freien Zeiteinheiten ab. Ich schaue den Tag an und prüfe den Energieaufwand und die Regenationsmöglichkeit des Tages. Und erst dann sage ich zu. Es gelingt mit nicht zu 100 % aber schon ganz ganz gut.

Eine wunderbare tiefe Dankbarkeit liegt in mir. Diese Dankbarkeit weiss nun, warum meine Zehe nicht laufen sollte, meine Hand nicht noch mehr Hanteln drücken sollte, meine Seele genug von Gefallen wollen hatte und mir wurde auch klar, dass mein Körper gar kein Stehvermögen mehr haben konnte.

Ich habe schon viele kleine Änderungen gemacht. Sie sind klein und für mich doch wunderbar:

  • längste Bewegungsserie seit ich eine iWatch trage und das ohne fixen Trainingsplan
  • Abenteuerlust statt Gesundheitswahn
  • jede Woche habe ich mir eine Blumenstrauss geschenkt
  • zu 90% genug geschlafen
  • mit lieben Menschen stundenlang gequatscht, gelacht und etwas Feines getrunken

Geht doch. Ich bleibe dran. Weil es mir und meinem Sein so verdammt gut tut. Und wenn ich das kann, dann kannst du es auch.

Claudia Huber

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