Stricken ist auch nicht viel anders wie pilgern

Ganz kurz nach 6 Uhr sind wir heute los. Es hat die ganze Nacht geregnet und jetzt ist es trocken – aber frisch. Erkenntnis der letzten Nacht: Man kann ohne schlechtes Gewissen seinen Mann schnarchen lassen. Man muss nur so tun, als würde man selber schlafen und beten. Beten. Beten. Dann hört es schon nach 60 Sekunden wieder auf. *bigsmile*

Es war meine erste Nacht mit 10 Betten in einem Raum in einer wunderschönen Herberge. Das hat was. Sich am Morgen auf leisen Sohlen aus dem Zimmer zu schleichen fühlt sich so grausam verboten an, dass das Kind in mir laut gejubelt hat, als ich es – mehr oder weniger lautlos – geschafft hatte.

Richtig richtig müde. Nur noch Socken an und Hopp de Käse.

Die ersten 6 Kilometer geht es nur bergauf. Irgendwie geht das super gut heute. Schritt für Schritt setze ich einen Fuss vor den anderen. Atmen ist mein Schlüssel. Jedes Mal, wenn ich kurzatmig werde oder die Beine brennen erkenne ich – ich atme zu flach. Es tut gut, in diesen Wäldern diese Luft in sich aufzusaugen. Keine Ahnung, wonach es da alles duftet. Aber es ist wahnsinnig sinnlich und vielfältig. Ich liebe es!

Der Camino Primitivo ist bekannt dafür, dass es rauf und runter geht. Und dieses Wechselspiel hatten wir heute nicht nur wegtechnisch. Ich hatte es auch emotional und wetterbedingt. Von Sonne über Regen, von kaltem Wind bis zur Windstille – es war alles im Angebot. Emotional hatte ich die ersten 4 Stunden gar kein Problem. Und dann fing mein Hirn einfach an zu denken. Da kam zum Beispiel «Wie dumm muss man sein, sich so zu quälen? Es gibt doch Taxis.» Oder «Du bist ja gar nicht katholisch, warum pilgerst du?» Wunderbar, dachte ich. Jetzt kann ich meine mentale Kraft fleissig trainieren. Und was geschah? Immer auf Wegen, wo ich mich konzentrieren musste, wurde ich nicht von meinen Gedanken dominiert. Sobald wir auf einer Landstrasse gehen mussten, wo kein Stein und kein Loch meine Aufmerksamkeit beanspruchten, kamen sie wieder – diese Dämonen der Selbstbeschränkung. Ha, das ist wie beim Stricken. Ohne Scheiss. Ich schwör’s. Wenn du beim Stricken nicht voll fokussiert bist – zack – ein Fehler. Und wenn du auf dem Jakobsweg nicht auf einem Waldweg bist – zack – Gedankenschiss.

Dieses Wechselspielt hat uns schliesslich mit schweeeren Beinen nach Salas gebracht. Müde und kaputt. Ich bin meinen Beinen und Füssen unendlich dankbar, dass ich sie a) spüre und b) dass sie mit mir diesen Selbsterkennungs-Ritt durchmachen.

Buen Camino.

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